Fragrance Foundation Deutschland e.V.

/ Der Duft der Zeit

HELDER SUFFENPLAN

GRÜNDER SCENTURY MAGAZINE

Vor kurzem sah ich im Fernsehen Donald Trump, der im Festsaal seines Protz-Resorts in West Palm Beach einen weiteren Wahlerfolg feierte. Da geschah etwas sehr Seltsames: Ich war mir plötzlich sicher, den Geruch von Drakkar Noir und Samsara wahrzunehmen – oder war es Egoïste? Miami, Messing, Marmor und Kronleuchter, davor ein Mann mit großer Frisur und großen Gesten, orangefarbenem Teint und weiß umrandeten Augen – das roch schwer nach den 80ern!

Der Duft einer Epoche

Geht es Ihnen auch so, dass bestimmte Parfums untrennbar mit einer bestimmten Zeit verbunden sind? Ich meine damit nicht die Zeit der ersten Liebe oder die Ferienzeit. Ich spreche vom Duft einer Epoche! Die olfaktorische Wirklichkeit einer Zivilisation sagt viel über ihre Verfasstheit aus: über ihr Verhältnis zu Sinnlichkeit und Sex, aber auch über die Träume und Hoffnungen der Menschen. Die Geschichte der Parfumkunst ist also zugleich eine Geschichte der Ideen und Visionen – und die Jahreslisten der DUFTSTARS-Preisträger könnten in einer fernen Zukunft vielleicht einmal als so etwas wie die Chronik dieser Historie gelesen werden.

Lassen Sie uns gemeinsam in die Vergangenheit reisen und herausfinden, was der Geruch der jeweiligen Dekade tatsächlich über das Lebensgefühl der Menschen verrät: Starten wir mit den eskapistischen orientalischen Parfums der 30er wie Tabu von Dana oder Vega von Guerlain, die eine Ablenkung von den harten Realitäten der Depressions- und Kriegsjahre versprachen. Betrachten wir die grünen, frischen Kreationen der Nachkriegszeit (Nina Riccis L’Air du Temps, Green Water von Jacques Fath), die von der Sehnsucht nach Heiterkeit, Wohlstand und Weite erzählen. Erinnern wir uns an die amerikanischen „Super Scents“ der 60er (etwa Estée von Estée Lauder), so selbstbewusst und technisch überlegen wie die Supermacht USA. Und erkunden wir die sexuell aufgeladenen Lancierungen der Disco-Ära der 70er Jahre (Opium!), deren Namenspatrone Yves Saint Laurent, Roy Halston und Ralph Lauren im Studio 54 die Nacht zum Tag machten.

Die 80er, Dekade des Exzesses

Werfen wir schließlich einen etwas genaueren Blick auf unsere jüngere Vergangenheit, beginnend mit den 80er Jahren, der Dekade des Exzesses – womit wir auch wieder bei Herrn Trump wären: „Greed is good!“, rief Michael Douglas in Wall Street. Nichts konnte zu teuer, zu groß, zu bunt oder zu gülden sein. Männer durften endlich wieder Krieger sein und auch so riechen, und Frauen, die in dieser Welt erfolgreich sein wollten, legten sich eine Art Rüstung zu, die aus einer paradoxen Verschmelzung extrem weiblicher (Big Hair!) und hypermaskuliner Attribute (Schulterpolster!) bestand. Die Wahl des Parfums verlängerte dieses Power-Dressing ins Physische: Wer mit Poison gewappnet zu einem Meeting erschien, kontrollierte den Raum und ergriff Besitz von der Atemluft und dem limbischen System seines (ihres) Gegenübers. Die monumentalen Parfum-Meisterwerke der 80er, wie Paloma Picasso, Knowing oder Obsession, admirieren wir heute aus sicherer Distanz – oder halten uns lieber an ihre sanfteren Flanker.

Ästhetik der Reinheit und Transparenz: die 90er

Selten unterschied sich der Duft einer Epoche so eklatant von dem der vorherigen wie in den 90ern: Ozonig-aquatische Kreationen ersetzten körperliche Präsenz durch ätherische Körperlosigkeit. Kopflastige Düfte wie Acqua di Giò, L’Eau d’Issey und allen voran CK One stellten die gewagte Behauptung auf, dass Männer und Frauen ähnlich, ja sogar gleich riechen können oder sollen. Hatte dieser Trend etwas damit zu tun, dass in Zeiten von HIV die Körper der anderen zu einer Quelle der Gefahr geworden waren? Die Vermutung liegt nahe. Auf jeden Fall galt nun nicht mehr animalische Laszivität, sondern – ganz in der Tradition der Puritaner („Cleanliness is next to godliness“) – der olfaktorische Ausweis klinischer Unbedenklichkeit als attraktiv. Es entstand eine ganz neue und eigene Ästhetik der Reinheit und Transparenz.

Zunehmende Fraktalisierung der Märkte und Lebensentwürfe

Die 2000er Jahre, Blütezeit der Celebrity-Düfte (kein C-Promi ohne eigenen Duft!), brachten auch eine zunehmende Fraktalisierung der Märkte und Lebensentwürfe. Immer schwieriger ließ sich ein gemeinsamer Nenner definieren, bis scheinbar aus dem Nichts das geheimnisvolle Oud auf der Bildfläche erschien. 2002 brachte M7 von Yves Saint Laurent den Stein ins Rollen. Und nachdem diese Sache schließlich an Momentum gewann, verzeichnete das Jahr 2012 bereits 110 Oud-Launches, 2013 waren es 124, und heute bietet fast jedes Duftportfolio ein oder sogar mehrere Produkte zum Thema – der Westen verliebte sich in das arabischste aller Aromen (Mohammed: „Nach dem morgendlichen Waschen reinige deinen Geist mit dem Duft des Oud!“). Was sagt diese Passion aus über unsere Zeit, über uns? Welchen Nerv trifft dieser wandlungsfähige Riechstoff, dessen Eigenschaften zwischen opulent-animalisch, trocken-holzig und harzig-aromatisch oszillieren? Vielleicht ist die Oud-Schwemme eine sinnlich erfahrbare Chiffre der Globalisierung und ihrer wirtschaftlichen und politischen Verschränkungen, vielleicht ist sie einfach der Versuch, die Märkte des Nahen Ostens ökonomisch zu erschließen, der Region, in der mehr Parfum verbraucht wird als irgendwo sonst.

Oud: ein Versuch, mit dem Bedrohlichen in Kontakt zu treten?

Eine Sache ist auffällig und spannend: Oud taucht im Parfumregal ausgerechnet in dem Moment auf, in dem der Westen nach 9/11 voller Agonie auf die Bedrohungen des (islamistischen) Terrorismus starrt. Kein Sinn ist so eng mit dem Unterbewussten verknüpft wie der Geruchssinn. Könnte es also sein, dass unsere Obsession für Oud ein Versuch ist, mit dem Bedrohlichen in Kontakt zu treten, es durch Vereinnahmung zu bannen – ganz so, wie das der türkischen Eroberung knapp entronnene kaiserliche Wien Turban trug und den „muselmanischen“ Kaffee zu seinem Signature Drink erkor?

Parfum ist immer am Puls der Zeit und verzeichnet Hypertonie und Herzflimmern der Geschichte ebenso wie ihre Fieberkurven und Synkopen – eine schlüssige Diagnose gestattet aber erst die historische Distanz. Sprechen wir uns also in ein paar Jahren wieder, dann wissen wir auch, welcher Duftstoff Oud als Super-Ingredienz abgelöst hat – und ob Donald Trump der nächste Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika geworden sein wird.