Fragrance Foundation Deutschland e.V.

/ Glück und Parfum

LOB DER FLÜCHTIGKEIT

ECKHART NICKEL – SCHRIFTSTELLER UND JOURNALIST

Das Streben nach Glück ist ein so fundamentaler Bestandteil unserer Existenz, dass es die Amerikaner als Pioniere per defnitionem (auch jenseits von Demokratie, Raumfahrt und Internet) direkt neben Leben und Freiheit gleich als verbrieftes Menschenrecht 1776 in die Unabhängigkeitserklärung ihres jungen Landes eingeschrieben haben: The pursuit of happiness. Denn nichts fällt schwerer als das: Glück zu finden. Und wenn wir glauben, es gefunden zu haben, setzen wir alles in Bewegung, um es festzuhalten. Koste es, was es wolle.

Ein unerhörtes Glücksgefühl, das ganz für sich allein bestand

Den Augenblick zum Verweilen einzuladen, weil er so schön ist, gehört seit Goethes Faust zum sprichwörtlichen Repertoire unserer Sehnsüchte. Deren tiefe Empfindung aber verdankt sich in erster Linie dem Glücksversprechen, das in ihnen angelegt ist, und nicht ihrer Erfüllung. Man spricht nicht ohne Grund davon, seine Sehnsucht zu stillen. In dem Wort ist beides angelegt: ein Bedürfnis, das, wie die erste große Sehnsucht und Gabe des Lebens, die Muttermilch, gestillt wird – und die Stille, die damit einhergeht. Die Gleichzeitigkeit von Ruhe und Ekstase ist das Paradox, von dem der zerbrechliche Zustand des Glücks sich nährt. Und wie im ersten, als tiefes Glück empfundenen Moment ist es die sinnliche Wahrnehmung des Parfums (der Haut unserer Mutter), also ein ästhetisches Phänomen, das sich unauslöschlich in das Gedächtnis einbrennt wie das in Lindenblütentee getunkte Madeleine-Gebäck von Marcel Proust, das ihm als Geschenk die Erinnerung an seine Kindheit zurückbringt: „Ein unerhörtes Glücksgefühl, das ganz für sich allein bestand.”

Einen Draht zum Damals schließen

Ein Vorgang, der deswegen als gewaltig empfunden wird, weil der Weg von der Riechregion im Nasendach, die wie eine sensorische Zielscheibe in etwa zwischen den Augen liegt, ins Gehirn so kurz ist, kürzer als die meisten Reize, die wir empfinden. Insofern ist ein Duft besser als alles andere dazu in der Lage, einen Draht zum Damals zu schließen. Er vermag es, uns die Welt, wie wir sie im Zustand des Glücks wahrgenommen haben, zurückzubringen. Proust fasst es wie folgt: „Doch wenn von einer weit zurückliegenden Vergangenheit nichts mehr existiert (…) dann verharren der Geruch und der Geschmack, um auf ihrem beinahe unfaßbaren Tröpfchen, ohne nachzugeben, das unermeßliche Gebäude der Erinnerung zu tragen.“

Geglückte Momente duften

Aber Düfte sind nicht nur Boten des Glücks, die uns dabei helfen, uns zu erinnern, sie sind auch sein wesentlicher Bestandteil. Wer versucht, sich an einen geglückten Moment zu erinnern, wird selten ein geruchsneutrales Bild vor seinem inneren Auge sehen. Als ich vor Jahren zum ersten Mal eine Reise in die Stadt Los Angeles unternahm, war ich am ersten Morgen sofort von ihrem Licht gefangen genommen. Bereits nach meiner Landung am späten Nachmittag verband sich der warme Wind mit dem Parfum der Palmen und den tiefen Farben der bald einsetzenden Abenddämmerung. Das alles war schön und angenehm, gewiss, aber nichts glich dem darauf folgenden Tagesanbruch, da ich, viel zu früh vom Jetlag erwacht, in meinem Badezimmer in West Hollywood stand und aus dem Fenster sah. Gewiss, es gab andere Städte, die heller leuchteten, aber die Strahlkraft der grünen Hügel im ersten Sonnenlicht, die sich in diesem Moment mit dem Duft von Molton Browns „Radiant Lili Pili” verband, sie erfüllte mich dank des Parfums mit einer derart fulminanten inneren Ruhe und Erfüllung, dass ich schon damals hoffte, ich könnte diesen Moment mit Hilfe des Duftes dereinst wiederherstellen, wenn ich mich nach ihm zurücksehnte.

Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

Aber ähnlich wie so viele andere Parfums, die ich im Laufe meines Lebens wahrgenommen habe, ist auch seine Halbwertzeit den Moden der Zeit in tragischer Weise unterworfen. Mein Lieblings-Parfum ist dafür das beste Beispiel: „Jil Sander Man“ war ein Elixier, das unnachahmlich nach Wacholder duftete und in einer schwarzen Glasflasche von seltener Bauhaus-Strenge kam. Auch wenn es kurzfristig eine Wiederbelebung als „Scent 79“ erlebte, verschwand die magische Verbindung aus Flasche und Duft wieder, heute führt sie ein Schattendasein als Retro-Scent in neuem Gewand. Selbst „Radiant Lili Pili“ ist nicht mehr im Katalog von Molton Brown auffindbar, und ich werde es „auf der Suche nach der verlorenen Zeit” nicht mehr als Hilfsmittel verwenden können, um mich in jenes taufrische Los Angeles zurückzuversetzen. Glück und Parfum, so lässt sich erkennen, besitzen neben ihrer Begeisterungsfähigkeit auch eine tiefer gehende Wesensverwandtschaft: die Flüchtigkeit.

Genieße den Augenblick!

Wie jeder schöne Duft nur kurz auf der Haut verweilt, um sich dann zu verflüchtigen, ist auch Glück wenig von Dauer. Beide lehren auf ihre Weise, das Seltene zu schätzen, was carpe diem meint: den Augenblick zu genießen, der uns zeigt, wie dankbar wir für unsere Existenz sein können, die uns erlaubt, Glück zu empfinden. Vielleicht ist die Pointe der pursuit of happiness auch bereits darin verborgen, das Streben nach Glück selbst schon glücklich macht. Das Glück des Parfums ist freilich etwas leichter zu haben. Ein Druck auf den Zerstäuber genügt.